Thesen zur Ästhetik: Benoît B. Mandelbrot

Was ist Schönheit? Was ist Kunst? Diese Fragen beschäftigen mich seit den sechziger Jahren, als ich entdeckte, dass die Kunst algorithmisch sein kann. Entscheidend ist, dass sie weder die Natur, noch die Seele des Künstlers widerspiegeln muss; Schönheit kann auch aus den "Keimen" geeigneter einfacher Formen wachsen.

Die Ergebnisse — enthüllt durch einen Computer — können ausserordentlich kompliziert sein; viele sind auf dekorative Weise schön, sogar betörend schön.

Manche dieser Ergebnisse sind "Fälschungen" von Bergen und Wolken, manche sind völlig abstrakt. Die Formel f(z)=z²+c beispielsweise ergibt die Mandelbrot-Menge mit ihrem unbeabsichtigten Leitmotiv (verkleinerte Versionen des Ganzen sind überall verstreut), und die Variationen um jedes Leitmotiv herum wiederholen sich.

Diese Menge schwebt irgendwo zwischen der exzessiven Ordentlichkeit der gewöhnlichen Geometrie und dem wahren Chaos von Formen, in dem man weder Ordnung noch Struktur erkennen kann. Keines der beiden Extreme ist schön.

Könnte es sein, dass Schönheit — ob figürliche oder abstrakte — nur auf diesem Grat zwischen dem Mangel und dem Übermass an Strukturiertheit existiert? Schon die vorklassischen Griechen glaubten, Schönheit sei die symmetrische (das heisst harmonische) Beziehung der einzelnen Teile zum Ganzen.

Die Formen, die ich untersuche, sind fraktal, was bedeutet, dass ihre Teile im reduzierten Massstab Wiederholungen des Ganzen sind. Ich hätte erwartet, diese Form der Symmetrie sei zu unbarmherzig um schön zu sein, aber der Augenschein legt das Gegenteil nahe.


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Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.

Christian Morgenstern

aktualisiert 14-04-2011