Grundlagen der Wahrnehmung

Gibt es eine Welt ohne Bilder ? Ohne visuelle Wahrnehmung ist die Welt kaum denkbar. Wahrnehmung ist – wie die Wahrnehmungsorgane und die Verarbeitung des Wahrgenommenen – individuell. Wahrnehmung ist weder messbar noch reproduzierbar, das gleiche Objekt wird von verschiedenen Individuen unterschiedlich wahrgenommen. Realität entsteht im Kopf und ist individuell.

Der Wahrnehmungsprozess ist emotional, alle Sinne sind daran beteiligt: Sehen, Hören, Spüren, Riechen und Schmecken. Sinnesreize rufen Gefühle hervor.

Die menschliche Wahrnehmung ist betont visuell und mit dem auditiven (hören), dem haptischen (tasten), dem olfaktorischen (riechen) und dem gustatorischen (schmecken) Bereich eng vernetzt.

Die Kenntnis visueller Wahrnehmungsprozesse, der Verarbeitung visueller Informationen und der kulturabhängigen Bedeutung von Farben und Formen ist Voraussetzung für die Beurteilung oder Gestaltung visueller Kommunikation.

Visual Design ist die Gestaltung visuell wahrnehmbarer Medien und Objekte und wirkt in alle Lebensbereiche hinein. Ohne Kenntnis der Grundlagen visueller Wahrnehmung ist eine zielführende Gestaltung nicht möglich.

Die Wahrnehmungsorgane

Das Auge

Auge Spektrum der Wissenschaft

Die Sehbahnen: Abbildung des Gesichtsfeldes auf der Netzhaut ( innerste, mehrschichtige, lichtempfindliche Haut des Augapfels) und Projektion auf die beiden Hirnhemisphären (Quelle: Spektrum der Wissenschaft, Wahrnehmung, Irvin Rock)

Die visuelle Wahrnehmung beruht auf der Verarbeitung von Informationen, die durch Lichtreize ausgelöst werden. Das Auge fängt – ähnlich wie eine Fotokamera – Lichtstrahlen ein und leitet sie zur Weiterverarbeitung ans neuronale Netzwerk des Grosshirns. Was das Auge als Licht und Farbe wahrnimmt, ist ein kleiner Bereich des immensen Spektrums elektromagnetischer Wellen. Sehen ist beim Menschen mit Denken, Bewusstsein, Emotion und Erinnerung verbunden. Farbempfindung ist physikalisch nicht messbar.

Abbildungsgeometrie

Abbildungsgeometrie im Auge

Der Bereich scharfer Abbildung auf der Netzhaut ist sehr klein, er entspricht einem Sehwinkel von circa 1,5 Grad. Mit zunehmendem Abstand von diesem scharfen Bereich wird die Abbildung diffuser und lässt damit grösseren Interpretationsspielraum zu. Der Sehnerv verlässt die Retina (Netzhaut) im blinden Fleck, hier ist keine Wahrnehmung möglich.

Zwei Arten von Rezeptoren ermöglichen es Helligkeits- und Farbunterschiede zu erkennen:
Bei schlechten Lichtverhältnissen (Dämmerung etc.) sorgen die Stäbchen für die Wahrnehmung, wobei die Farbwahrnehmung je nach verbleibender Lichtintensität eingeschränkt ist oder ganz ausbleibt. Bei guten Lichtverhältnissen sorgen die Zapfen für optimale Farb- und Graustufenwahrnehmung.

Durch das binokulare (bi [lat.] = zwei, oculus [lat.] = Auge) Sehen ist es erst möglich, Raum als solchen zu erleben und Distanzen richtig einzuschätzen.

Das Ohr

Die auditive Wahrnehmung (Gehör) unterscheidet verschiedene Tonfrequenzen, Klangfarben und unterschiedlichen Schalldruck (Intensität).

Die Haut

Die haptische Wahrnehmung (Tastsinn) registriert unterschiedliche Druck- und Temperaturempfindungen, kann aber auch Strukturen und Texturen oft feiner spüren, als das Auge sie sehen kann.

Visuell Wahrnehmen bedeutet Differenzen erkennen.

Der Datenfluss von der Netzhaut ins Grosshirn von circa 1,5 Gigabyte/sec wird komprimiert, da die Sauerstoffversorgung des Gehirns für solche Datenmengen nicht ausreichen würde. Die komprimierten Daten werden auf mehreren Kanälen übertragen. Dabei wird ein Bild beispielsweise in diffuse Licht-Schattenzeichnung und scharfe Konturen zerlegt.

Aus Helligkeitsunterschieden entstehen dann in der Informationsverarbeitung Formen, denen eine Bedeutung zugewiesen wird oder die durch Vergleich mit bereits gespeicherten Formen eingeordnet werden.

Die Verarbeitung und Interpretation von Wahrnehmungs-Differenzen ist eine der Voraussetzungen für menschliches Denken. Die Bedeutung einer Information liegt in ihrer Form und in der formalen Veränderung während des Informationsprozesses. Alles was Menschen denken, empfinden, wollen oder tun, ist Resultat von Informationsverarbeitungsprozessen.

Sehen ist mit Erinnerung und Emotion verknüpft.

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Es gibt keine Fakten. Es gibt nur unsere Wahrnehmung davon.

Leo N. Tolstoi

aktualisiert 14-04-2011

Sehen, Fühlen, Riechen, Wahrnehmen ist individuelle Wahrheit